Arche - Kinder- und Jugendärzte
Arche - Kinder- und Jugendärzte
Gemeinschaftspraxis Clemens Bürger und Christian Steuber
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Praxen am Gleis 1

Die wichtigsten Fragen (und Antworten) zu Handy, Smartphone und Co:

(mit freundlicher Unterstützung des Kinder- und Jugendarztes Dr. Till Reckert)

1)      Inzwischen nutzen schon Kinder Smartphones, Tablets und Co.?
         Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?


Man beobachte zunächst, wie es sich auf einen selber auswirkt: Man ist
in Gefahr, zum Diener seines Gerätes zu werden und nicht Herr darüber zu
bleiben. Im Internetzeitalter erreichen wir schnell und mit dem
internetfähigen Smartphone von überall aus Informationen über die
ganze Welt. Man kann sich quer durch die ganze Welt in Sekundenbruchteilen
vernetzen und miteinander kommunizieren. Dies übt einen Sog aus, dem man
sich nur schwer entziehen kann. Auf Kinder genauso wie auf Erwachsene, nur
habe sie dem weniger entgegenzusetzen und müssen und wollen sich
eigentlich erst noch einleben in die reale Welt, von der sie weggesogen zu
werden drohen.

2)      Gibt es gesundheitliche/psychologische Beeinträchtigungen?

Man spricht ja heute schon von der Generation „Kopf unten“. Das sagt
eigentlich alles. Das youtube-video „Look up“ hat über 50Mio
klicks, es macht deutlich, worum es
dabei geht. Wir Kinder- und Jugendärzte sind von deutlichen
gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen überzeugt, sehen
diese täglich in unseren Praxen. Wir warnen auch vor den Folgen, die die
Kinder erleiden müssen von Eltern, denen ihr Smartphone wichtiger ist,
als der Kontakt zum eigenen Kind. Hier werden große Herausforderungen auf
uns zukommen. Die BLIKK-Medien-Studie versucht, hierfür zu
sensibilisieren.
Es wird ausserordentlich wichtig und herausfordernd sein, menschheitlich
Herr über diese Entwicklung zu bleiben.

3)      Wie viel Technik und Medien verkraften Kinder, und ab welchem
         Alter sollten sie damit in Kontakt kommen?


Im 19. Jahrhundert hat uns die Technik zunehmend die aktive, körperliche
Arbeit abgenommen (Dampfmaschine usw.), im 20. Jahrhundert die aktive
künstlerische Betätigung (Schallplatten, Photoapparat, Film) und im 21.
Jahrhundert nimmt sie uns zunehmend das aktive Denken und vor allem
Erinnern ab (PC, Internet, Smartphone, Navigationsgerät). Hierdurch
schafft uns die Technik zunehmende Freiräume, die früher undenkbar
waren. Diese sollten wir wieder aktiv ergreifen. Denn die Neurobiologie
hat uns einen wesentlichen Satz beigebracht: „Use it or loose it.“
Jede Fähigkeit, jede Begabung, die wir nicht aktiv nutzen, werden wir
teilweise verlernen. Dann wird aus Bequemlichkeit schließlich
Abhängigkeit und Unfreiheit, also ein Zustand, den wir als unmenschlich
erleben. Die Freiheit, die wir von etwas haben, müssen wir zu etwas
nützen. Dies können wir besser, wenn wir „Aktivsein“ in der Kindheit
erlernt haben. Der kluge Mensch in einem sitzenden Beruf macht Sport, evt.
sogar an „Kraftmaschinen“ im Bodybuildingstudio. Dies wäre einem
Menschen vor 200 Jahren völlig sinnlos vorgekommen. Die Frage in Zukunft
wird sein: Wie können und müssen wir unsere „Denkmuskeln“ in
Freiheit trainieren, wenn sie zu erschlaffen drohen weil ihnen alles
abgenommen wird.
Kinder im Vorschulalter müssen zunächst lernen, mit ihrem Körper, ihren
Gefühlen, der Welt und anderen Menschen in immer freierer Weise
zurechtzukommen. Bildschirmmedien sind hier eigentlich ausschließlich
hinderlich: Das Auge, dass normalerweise in feinen Bewegungen die
wirkliche dreidimensionale Welt abtastet und ergreift immer begleitet
durch eigene Ortswechsel bis es sie erfasst hat, „glotzt“ regungslos
auf den Fernseher, dessen Bilderwechsel und Kameraschwenks einem diese
Eigenbewegung völlig abnehmen. Man schaut auf einen englischsprechenden
Mund und hört aus einer anderen Richtung eine auf deutsch synchonisierte
Sprache aus den Lautsprechern. Bildschirmmedien geben uns also einen
Wahrnehmungsbrei, der sich auf Vorschulkinder immer ungünstig auswirkt,
unabhängig vom Inhalt. Fernsehen ist so etwas wie ein systematischer
sensorischer Desintegrationsapparat. Denn während des Fernsehens ist man
vom eigenen Körper empfindungsmäßig und aktivitätsmäßig ganz
abgekoppelt. Ein Vorschulkind, welches viel fernsieht, wird schon im
Kindergarten eher ein problematisches Verhalten zeigen und später in der
Schule mit größerer Wahrscheinlichkeit Lernprobleme bekommen. Wir
Kinder- und Jugendärzte sehen uns dann in der Regel mit der hilflosen
Forderung nach einem Ergotherapierezept konfrontiert. Aber was ist schon
eine Stunde Ergotherapie in der Woche (bei der dann vielleicht mit
Methoden der sensorischen Integration gearbeitet wird) gegen mehrere
Stunden fernsehen täglich (bei dem mit sensorischer Desintegration
gearbeitet wird).
Beim fernsehen erlischt auch die innere Aktivität: Während beim Lauschen
auf eine vorgelesene oder erzählte Geschichte im Inneren eigene Bilder
entstehen, die individuell zu einem gehören, bekommt man beim fernsehen
diese Bilder von der Traumfabrik Hollywood in die eigene Seele
transplantiert. Der Phantasiefähigkeit nutzt dies nicht. Mit dieser
verbessern wir aber später die Welt, indem wir Dinge erschaffen, die noch
nicht da sind. Kinder- und Jugendärzte plädieren also zusammen mit dem
Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft im Vorschulalter für das
Vorlesen und nicht fürs Sandmännchen abends.

Im Schulalter sind die Dinge anders. Hier sollte den Kindern aber geholfen
werden ihr Gleichgewicht mit den Medien zu finden, sich von ihnen nicht
stressen zu lassen und das wirkliche Leben nicht zu verpassen. Unbedingt
empfehlen wir keinen eigenen Fernseher im Kinderzimmer und auch noch lange
einen gemeinsamen Familiencomputer im Wohnzimmer mit gesonderten Zugängen
(evt. mit Zeitbegrenzung und Jugendschutzvorkehrungen).

4)      Wann können digitale Medien für Kinder förderlich sein?  

Dann, wenn sie dazu in der Lage sind, diese selbstbestimmt nutzen zu
können, ohne sich ihrem Sog hingeben zu müssen. Also kurz: Wenn sie Herr
über ihre Maschine bleiben und nicht ihr Diener werden. Dazu benötigen
sie ein Grundverständnis von sich und der Welt. Wann und unter welchen
Voraussetzungen dies der Fall ist, ist von Kind zu Kind und von Situation
zu Situation verschieden. Im Alltag beobachtet man häufig leider ein eher
unsouveränes Verhalten der Digital Natives ihren Maschinchen gegenüber.

5)      Wie sieht es an Schulen aus. Sollten sich mehr Schulen
         für digitale Medien öffnen?


Dies halten Schülerinnen und Schüler wie auch Eltern und Kinder- und
Jugendärzte für eine Nebenbaustelle. Nach der bahnbrechenden Studie von
John Hattie (ISBN 9783834013002) ist klar, was man vorher gefühlt schon
immer ahnte: Das wichtigste in und an der Schule sind neben den
Schülerinnen und Schülern gute, begeisterungsfähige Lehrerinnen und
Lehrer. Sie sind die authentischen „Medien", durch die die
Weltwirklichkeit in die Klassenzimmer kommt. Diese Tatsache ist
unhintergehbar. Denn vor Erziehung kommt immer Beziehung. Fragt man
Unterstufen- und Mittelstufenschülerinnen und -schüler nach ihren
Lieblings- und Hassfächern so korrelieren diese stark mit der erlebten
Persönlichkeit des Lehrers. Daher sollten sich alle gesellschaftlichen
Anstrengungen darauf konzentrieren, begeisterungsfähigen Lehrern den Raum
und die Fähigkeiten zu geben, die sie brauchen für einen guten,
selbstgestalteten Unterricht. Ob sie in diesem Unterricht hier und da
Medien einsetzen wollen, sollten sie selbstkritisch selber entscheiden aus
einem professionellen Methodenbewusstsein heraus so, wie es zu ihnen
passt. Dabei kann Medieneinsatz einen lehrervorbereiteten Unterricht so
wenig ersetzen, wie ein Fernseher ein Babysitter sein kann.

6)      Müssen schon Kinder an die digitale Welt herangebracht
         werden, um später auf einem sich zunehmend digitalisierten
         Arbeitsmarkt zu behaupten?


Nein, müssen sie nicht. Ich nenne als berufsbezogenes Beispiel das
Recherchieren von Informationen: Das Internet ist wie eine riesige
Bibliothek, wie ein sozialisiertes Elephantenweltgedächtnis, dessen
Bilder, Texte und Filme ich nutzen und mitgestalten kann. Doch welche
Kompetenzen braucht man, um ein solche Riesenbibliothek sinnvoll nutzen
zu können und in ihr Herr zu bleiben? Wer lesen kann, ist im Vorteil.
Auch wer lesen will, also eine Frage, ein Interesse hat. Eine Bibliothek
kann ich nur dann sinnvoll nutzen, wenn ich eine kleine oder größere
Forschungsfrage habe. Sonst dient sie mir nur zur Zerstreuung. Das
erfordert, dass ich selbstständig denken kann und etwas kritisch zu
hinterfragen vermag. In einer großen Bibliothek finde ich aber oft nicht
gleich das, was ich suche. Vor allem bei größeren Fragen muss ich
ausdauernd sein und fleissig und ich muss mich auf meine Sache
konzentrieren können und mögliche Ablenkungen diszipliniert ausblenden.
Ich muss wissen, wo die Bücher stehen, die ich suche. Ich brauche also
ein grundlegendes Verständnis von meinem Sachgebiet und dessen
Zusammenhänge, also Allgemeinbildung. Ich fasse zusammen: Um das Internet
sinnvoll für eine Recherche nutzen zu können, helfen mir folgende
Kompetenzen:
Hat man diese Kompetenzen nicht, steht man nur staunend und
orientierungslos vor dem überwältigenden Angebot und verliert sich
darin. Es wird deutlich: Auch Medienkompetenz setzt Fähigkeiten voraus,
die ein Mensch idealerweise gut ausgebildet haben sollte, wenn er den
Anforderungen des beruflichen Lebens gewachsen sein will.
Medienkompetenz ist spezialisierte Lebenskompetenz. Die interessante
Frage ist nun: Wie, wo und wann kann sich der heranwachsende Mensch
diese Kompetenzen erwerben? Viele Menschen sagen, dass man
Medienkompetenz natürlich nur im möglichst frühen Umgang mit Medien
erwerben könne. Dies erscheint zwar auf den ersten Blick einleuchtend
aber es trifft im engeren Sinne nicht mal auf die technische Kompetenz
zu. Denn hier wird sich die Welt unvorhersehbar geändert haben, bis
unsere Kinder in das Berufsleben eintreten und die Erfahrung zeigt, dass
diese Kompetenz am allerleichtesten aktuell gelernt wird. Wie ist es mit
den anderen Kompetenzen? Bildschirmmedien sind zum Beispiel denkbar
ungeeignet, um Phantasiefähigkeit, Interesse, Konzentrationsfähigkeit,
Ausdauer und Selbstdisziplin zu üben: Um diese seelischen Stärken zu
erwerben, eignen sich besser konkrete Erlebnisse und Herausforderungen
realer Lebensfelder mit ihren Anforderungen. Hierzu gehören
handwerkliche, künstlerische und soziale Übungsfelder im wirklichen
Leben. Oder das abendliche Vorlesen und später selber lesen ansta(tt
Filme zu schauen. Um Kinder fit zu machen für das Leben und auch für
einen digitalisierten, sollten sie dosiert und zeitgerecht dann an die
Medien gezielt herangeführt werden, wenn sie ihnen gegenüber bestehen
und nicht vorher.
Klar ist auch, dass eine robuste seelisch-körperliche Gesundheit immer
eine Pfund sein wird, welches auch auf dem Arbeitsmarkt wichtig ist. Der
Bildschirmmedienkonsum beeinträchtigt diese Gesundheit dosisabhängig
alleine schon wegen des damit einhergehenden Aktivitäts- und
Bewegungsmangels. Wir wissen, dass Bewegungsmangel heute eines der
größten Lebensrisiken gesundheitlicher Art ist, welches gleichzeitig
im allgemeinen Bewusstsein am meisten unterschätzt wird
http://www.kinderumweltgesundheit.de/index2/pdf/gbe/6224_1.pdf.
Kinder- und Jugendärzte glauben, dass die Rolle des Umgangs mit Medien
im Kindesalter erheblich überschätzt wird, wenn es darum geht eine
tüchtige, lebens- und medienkompetente Generation groß zu ziehen. In
unseren Praxen sehen wir eher das Gegenteil: Je mehr und je früherer
Medienkonsum im Kindes- und Jugendalter, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass Kinder mit dem Leben und dann auch mit Medien
nicht gut zurechtkommen. Ich vermute: Wer früh, ausschließlich und
ständig googelt, um zu seinen Informationen zu kommen, wird später ein
schlechterer Rechercheur.

1.       Sie sprechen davon, dass Ärzte psychische Erkrankungen bei
          Kindern durch den Gebrauch digitaler Medien beobachten.
          Welche meinen Sie zum Beispiel?

Es entstehen nicht gleich psychische Erkrankungen sondern eine gewisse
seelische Labilität die mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun hat. Dies
hat zunächst damit zu tun, dass uns die direkte Kooperation mit Menschen,
das sich einfühlen lernen, also die ganze Palette sozialer Interaktion in
Freundschaft, Liebe aber auch direkter Auseinandersetzung gut tut. Kinder,
die das Glück haben, hier reich beschenkt worden zu sein, sind
gesundheitlich im Vorteil und seelisch resilienter also langfristig
widerstandskräftiger. Wie dünn sind doch Erfahrungen mit digitalen
Medien gegenüber diesen Primärerfahrungen. Mein Computer kann zwar mich
zum lachen bringen, aber das Gegenteil funktioniert nicht: Ich kann ihn
nicht zum lachen bringen. Damit erlebe ich mich vor allem nur als
Nehmenden und nicht als Gebenden. Aber geben war schon immer seeliger als
nehmen. Kinder wie Erwachsene macht es glücklich und stark, wenn sie
etwas zu geben haben wofür andere Menschen sich bedanken und worüber sie
sich freuen.

Es wird in Zukunft das Krankheitsbild der Internetabhängigkeit ganz
offiziell mit einer ICD-Ziffer oder einem DSM-Code versehen geben: Wenn
der Bildschirmkonsum so umfänglich und vor allem so zwingend ist für den
Patienten, dass er im Alltag gravierend beeinträchtigt ist und sich
selber auf zentralen Lebensfeldern vernachlässigt, um sich der Sucht
hinzugeben. Wenn sie in Zeitschriften schauen, in denen Computerspiele
rezensiert werden, so finden Sie manchmal unten einen Kasten mit den
Rubriken „Spaß, Action, Strategisches Denken etc. und häufig zuletzt:
Suchtfaktor“; alle Rubriken bewertet dann der Rezensent mit z.B. 1-5
Sternen. Z.B. Mehrspieler-Online-Rollenspieler (z.B. mit World of
Warcraft) können tatsächlich in psychiatrisch relevante Suchtmuster
hereinkommen. Sucht kommt ja auch von Suche. Was machen machen
Rollenspieler? Sie entwickeln in einer Phase ihres Lebens (zumeist im
Jugendalter) von Level zu Level einen virtuellen Helden, ihren Avatar.
Während sie ihn mit ihrer eigenen Lebenszeit und manchmal auch mit ihrem
Geld füttern, wird dieser Held in seiner virtuellen Welt immer
mächtiger, schöner und größer. So mancher stolze Avatar-Besitzer
stellt dann irgendwann fest, dass seine eigene innere
Heldenpersönlichkeit immer mehr verkümmert, weil sie nicht mehr gepflegt
und an der widerständigen Realität des  wirklichen Leben erprobt wird,
während er seine Zeit vor dem Bildschirm verbringt und auch sonst nur
noch an die virtuelle Welt seines Avatars denkt. Wenn dies für einen
Menschen irgendwann zu einem Zielkonflikt führt („Ich oder mein
Avatar“), kann es sein, er dann den Entschluss fasst, seinen lieb
gewonnenen, stolzen Avatar sterben zu lassen. Einen würdigen virtuellen
Heldenfriedhof und eine Wall of Fame für Avatare gibt es hier www.herolymp.de.
(Interessanterweise auf Initiative des Frankfurter Drogenreferats).
Dort kann man seinem Avatar einen würdigen Nachruf verfassen.

Wenn eine ganze Generation „Kopf unten“ genannt wird, so sind hier
auch wachsende Neigungen zu Depressionen darunter zu verstehen. Ferner
beobachtet man eine gewisse Unverbindlichkeit bei Verabredungen („ich
rufe dann nochmal an“), was in der Summe zu Nervosität führt.
In den sozialen Netzen geht es

Alles in allem glaube ich, dass die Kinder und Jugendlichen ein
Bewusstsein für diese Dinge entwickeln müssen und vorgelebt bekommen
sollten, dass man sich in ein Gleichgewicht bringen muss.

2.       Was raten Sie Eltern, wie sie den Gebrauch für/mit ihren
          Kindern regeln könnten und ab welchem Alter würden
          Sie digitale Medien überhaupt empfehlen?


Im Vorschulalter würde ich nach Möglichkeit ganz abraten von
Bildschirmmedien. Das ist jetzt meine persönliche Meinung. Ich glaube,
alles andere ist ein Kompromiss. Diese kann man freilich eingehen im
leben; aber man sollte das dann nicht unter pädagogisch wertvoller
„Förderung“ verbuchen. Kinder lernen sich und die Welt besser im
realen Leben kennen. Grundsätzlich sehe ich keinen Nachteil darin, wenn
Kinder sich erst spät für elektronische Medien interessieren. In der
Regel kommt das Interesse immer früh genug und muss nicht künstlich
geweckt werden.
Es geht dann primär um die zeitliche Dosis, also die Lebenszeit, die man
hätte eigenkreativer verbringen können. Am Brüsseler Flughafen gibt es
eine geniale Handyladestation: Mit Tretantrieb und Dynamo. Man könnte als
Eltern z.B. Vereinbarungen treffen, dass Kinder sich Medienzeiten
verdienen mit Aktivität. Damit meine ich nicht nur körperliche
Aktivität sondern auch künstlerische Aktivität oder anderes.  Es gibt
z.B. die Möglichkeit, auf einem Familien-PC einzelne passwortgeschützte
Benutzerzugänge einzurichten und mit Jugendschutzvorkehrungen
einzurichten, die z.B. auch die Online- und Offlinezeit automatisch
begrenzen und bestimmte Inhalte (wie Pornographie etc.) nicht gestatten.
Hilfreich ist es in jedem Fall, wenn die elektronischen Medien sich in
gemeinsam genutzten Familienräumen befinden und nicht im „einsamen“
Kinderzimmer. Denn der Fernseher im Kinderzimmer, der unbegrenzte
Internetzugang etc. erhöht die Dosis. Aber solche Regelungen sind doch
ganz individuell, wie auch die Zeiten, die man mit seinen Kindern
aushandelt.
Urteilsfähige Jugendliche sollte man ermutigen, sich sehr aktiv mit dem
Medienthema auseinanderzusetzen und auch die Hintergründe zumindest in
Teilen immer besser zu verstehen: Z.B. selber einen Youtube-film zu drehen
oder einen Wikipediaartikel zu editieren. Wichtig ist es aber, ihnen klar
zu machen, dass alles, was sie im Internet tun, nicht wirklich
„löschbar“ ist und im Prinzip nachvollziehbar bleiben könnte. Sie
sollten also dazu stehen können. Daher äußern sich die meisten Menschen
im Internet mit einem Pseudonym und glauben, in diesem Schutz unangreifbar
zu sein. Ich halte es für wichtig, dass Bewusstsein dafür zu schärfen,
dass es großartig und schrecklich zugleich sein kann, dass das weltweite
Elephantengehirn Internet eben nichts so schnell vergisst. Je besser
dieses Bewusstsein vorhanden ist, desto weniger ausgeprägt neigt man zum
Cyberleichtsinn. Wenn wir heute sagen: "Reden ist Silber, Schweigen ist
Gold“, dann bekommt das eine ganz neue Dimension. Denn etwas einmal im
Internet Gesagtes kann ich nicht mehr zurückholen. Aber etwas
Verschwiegenes kann ich noch sagen.
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